Geburtstag

Muss 1980/81 gewesen sein, wurde im Rahmen eines Kurzgeschichtenwettbewerbs in Atlan 144 (2.Auflage) abgedruckt. Die Leser bewiesen Geschmack und bewerteten das Machwerk als eher mittelmäßig.   

 

Irgendwann: Landung. Eine mächtige Kugel im Regen. Herausströmende Menschen. Asiaten, Europäer, Afrikaner, Amerikaner. Gedanken an Unabhängigkeit, Freiheit. Große Reden. Pioniergeist. Frontier und so. Alles im Regen.
Irgendwann später: Niederlage. Angelegte Felder von Tieren zerstört. Krankheiten. Die Fertigbausiedlung vom Orkan zerstört. Viele ziehen sich mit dem Raumschiff zurück, wenige bleiben, verstreuen sich, verlieren sich.

 

Fiebrige Augen, gelbe, trockene Haut.
Jessup Benson, du bist krank. Alle sind krank. Alle sind krank, ob körperlich oder geistig. Paco, Smith, Pea und der senile Greis. Alle verloren. Diese Welt ist gegen euch. Sie hat die Felder verwüstet, die Stadt niedergerissen. Nun haust ihr in einer plumpen Bretterbude, auf den nächsten Sturm wartend, der sie euch zerfetzen wird.

Pea, sie erwartet ein Kind. Von Paco, Smith, von dir? Irrsinn, ein Kind. Diese Welt ist nicht für Menschen. Sie wird euch vernichten. Ihr könnt vegetieren, aber nicht leben. Leben?
Lass nicht zu, dass hier ein Kind geboren wird. Jessup, wirst du die Verantwortung übernehmen?
Ihr Narren, ihr seid nicht mitgegangen. Das Raumschiff war da. Ihr Träumer seid geblieben. Die Träume sind begraben. Nichts bleibt übrig. Menschen, versessen darauf, Großes zu leisten; Pioniere - und niemand wird sich an sie erinnern, es wird nichts da sein, um zu erinnern.
Denk an ein Kind. Große Kinderaugen mit dicken Tränen.
Und was tust du nun, Jessup?

Der Regen trommelte gegen die undichten Plastikwände des provisorischen Baus. Eine geflickte Zeltwand trennte den Raum. Da drüben lag eine junge Frau mit schweißüberströmten Gesicht auf den Überresten des Lagers, das sie in den Trümmern der Stadt gefunden hatten. Und erwartete ein Kind. Manchmal schrie sie.

Tapfere Pionierfrau. Was, Jessup? Das erste Kind in einer fremden Welt. Es dauert nicht mehr lange. Noch in dieser Stunde? Und wie lange dauert es dann? Vielleicht wird es gerade reichen, damit es lernt zu weinen. Du kannst nicht mehr weinen. Du bist zu abgestumpft.
Und jetzt stehst du auf, gehst zu dem kleinen Tisch hinüber. Smith und Paco blicken nicht her. Der Alte schläft wieder. Schlaf, alter Mann, wach nie mehr auf. Du greifst das große Messer, steckst es unter deine Bluse. Ein kaltes Messer. Und jetzt wirst du das Kind töten.
Vielleicht stirbt auch Pea. Besser für sie. Töte sie doch alle. Diese Welt tut es ohnehin.

Sie schrie wieder, und der Mann, der vor der Zeltplane stand, schrak zusammen.
Der alte Mann rappelte sich auf.
"Ich sehe nach ihr", sagte Jessup schnell.
"Wir haben keine Medikamente, nicht einmal Äther, nichts", murmelte der Greis. War er mal Mediziner? Gelehrter, Apotheker, Bauer? Jetzt ist er abgerissen, hat alles verloren und wird wohl bald sterben.
"Ich sehe nach ihr", versicherte Jessup und schob die Zeltwand zur Seite.

Sie war jung, vor neun Monaten, zu jung. Jetzt ist sie alt, ein Opfer dieser Welt. Ihre Augen sind wässrig, Tränen perlen über ihr Gesicht. Sie wird dich nicht erkennen, keine Angst.
Das Kind, wäre es ein Junge geworden oder ein Mädchen?
Begehe das Verbrechen. Wenn es Gott gibt, versteht er dich vielleicht. Verdamme dich, Jessup, aber rette dein Gewissen. Töte.

Der Alte. Er sprang ihn von hinten an und Jessup wunderte sich über sein Gewicht. Er wankte, brach in die Knie. Der Greis schrie. So schrill, so irrsinnig. Pea begann um sich zu schlagen. Und Jessup wollte sie beruhigen, murmelte beruhigende Worte.
Die Zeltwand stürzte zu Boden. Smith und Paco starrten ihn an, sahen das Messer, begriffen.
Sie schlugen auf ihn ein. Er stürzte. Es krachte. Paco hatte eine Pistole.
Jessup verlor das Messer. Er wollte wegkriechen. Es krachte ein zweites Mal, er bäumte sich auf.

Pea schrie, immer schriller.
"Sie bekommt das Kind!" rief jemand verzückt.
Ja - verzückt. Jessup hob den Kopf. Sie standen um Peas Lager herum, keiner beachtete ihn mehr. Er sackte zusammen.

Zeitlupe, Jessup. Und alles verzerrt, verschwommen. Der Alte, Smith, Paco? Jessup, nun stirbst du als Erster. Und ein Kind ...
Ab und zu verlierst du das Bewusstsein. Sie stehen immer noch um das Lager herum. Wie lange wird es denn noch dauern?

Ein Schrei. Er erschreckt dich. So wild, so irr.
"Es ist tot! Tot! Tot!"
Jemand packt dich am Arm, reißt dich hoch.
"Er ist schuld! Diese Bestie!"
"Lass ihn! Es ist eine Todgeburt. Es war nicht seine Schuld. Er ..."

Die Welt ist schuld, nicht, Jessup? Du hättest es getötet, aber sie hat es dir abgenommen. Nun, es wird keine nächste Generation geben. Diese Welt wird Sieger bleiben.
Und du, Jessup? Jessup? Okay, stirb, stirb, stirb ...

Und draußen heulte der Sturm, trommelte der Regen, leuchteten die Sterne.

Ende

 

 

Al, Al, Bunny und Clyde
oder Nummer 9 und Nummer 10

Alaska Saedelaere ist eine meiner Lieblingsfiguren aus der Perry Rhodan-Serie. Eine der faszinierenden Figuren des leider zu früh verstorbenen Autors Willi Voltz (meiner Meinung nach immer noch der Perry Rhodan-Autor). Vor Jahren gab es einen Kurzgeschichtenwettbewerb, es sollten Figuren Voltz' verwendet werden. Diese Geschichte kam damals nicht über das Entwurfsstadium hinweg (Unvermögen, Desinteresse, Faulheit, Feigheit). 

Es gibt noch diverse Inkonsistenzen und Lücken, die auszubügeln wären. Andererseits: es wurde Zeit, dass ich diese Geschichte "out of my system" bekam (oder wie auch immer die Amis sagen).  Also raus damit. 

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nur minimale Recherchen betrieben habe. Ich weiss nicht, ob jemals auf Peruwall (ist wahrscheinlich ein Wasserstoff/Methan-Riese) oder Alaskas erste Opfer eingegangen wurde. Mit sonderlich viel Science wartet die Story auch nicht auf, hauptsächlich aus Unverständnis meinerseits heraus.

An dieser Stelle Dank an Marc-Ivo Schubert, der das Ganze 'testlas' und mich auf die schwerwiegendsten Missgriffe und Fehler aufmerksam machte.

'Clyde' zitiert aus dem Gedicht "The Story of Bonnie and Clyde" von Bonnie Parker (1910 - 1934).

  Prolog

Der Junge rannte so schnell er konnte. Er war hochgewachsen und sehr hager. Er rannte mit eckigen, fast unbeholfenen Bewegungen. Als er die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatte, blieb er schwer atmend stehen. Er stemmte seine Arme auf die Oberschenkel und schnappte nach Luft. Zwei-, dreihundert Meter vor ihm war der Wall. Das war sein Ziel.

Das Unwetter war fast heran. Es schickte dem Jungen ein langes tiefes Grollen entgegen. Er lief wieder los.
Als er die Rampe erreichte, fielen die ersten Regentropfen.
Die Rampe führte bis zum Kamm des Walls empor. Der Boden war glitschig und er stürzte mehrmals. Aber schließlich stand er auf dem Wall.
Er stemmte sich gegen den heftiger werdenden Wind und schloss die Augen. Als die Tropfen auf sein Gesicht schlugen, lachte er auf. 
Der Regen wurde stärker. Das kalte Wasser rann über seine glühenden Wangen. Sein dünnes Hemd klebte klatschnass an seinem Körper. Er zitterte.
Dann öffnete er den Mund und schrie. Der Junge schrie gegen das Donnern des Sturmes an. Er war glücklich.

 

-- 1 --

Peruwall, Juni 3429

Alaska hatte auf der Personenbank Platz genommen. Der Antigrav des Taxis lief an. Erst jetzt registrierte er, dass der Pilot kein Roboter sondern ein Mensch war. Er zuckte zusammen, als der junge Mann sich zurücklehnte und ihn kurz musterte. Er kannte die Standardreaktion seiner Mitmenschen inzwischen. Doch der andere fragte nur: "Und wo soll's hingehen, Al?"
"Hanson Drift."
Der Gleiter hob ab und gewann schnell an Höhe. 
Es fiel ihm zu spät auf: Wie hatte ihn der Pilot genannt? Al? Vor seinen Augen verschwamm die Umwelt, das Dröhnen des Antigravs verstummte. Alaska verlor das Bewusstsein.

-- 2 --

Es stimmt so nicht. Es ist nur eine Variation dieses einen Traumes.
Chaime Okker kommt ihm grinsend entgegen. Ein kleiner, übergewichtiger Mann mit stets gerötetem Gesicht.
"Mann! Du hast uns aber warten lassen. Wurde echt Zeit."
"Vier Stunden.", wirft eine blonde Frau in weißer Medo-Montur ein. "Was war denn los, Alaska?"
Unsicher verlässt er den Sicherheitsbereich. Chaime packt ihn am Arm und führt ihn zum Kontrollpult.
Darcey Bach, die Medikerin, zwinkert ihm aufmunternd zu. Ankann Themides und Van Iden streiten sich lautstark über die möglichen Ursachen der Verzögerung. Drei weitere Techniker arbeiten an Terminals.
Es stimmt nicht. Er hatte keinen der sieben zuvor gekannt.
"Probleme, Alaska? Übelkeit? Darcey, Mädchen, check ihn durch."
"Vier Stunden. Wir hatten schon alle Horrorszenarien durchgespielt. Hätte ja sein können, dass du als deformiertes Monstrum aus dem Transmitter hüpfst. Buuh. Glück gehabt."
"Es hätte auch sein können", wirft Ankann ein und die anderen starren ihn an. "Es hätte auch sein können, dass du während deines Transfers mit einem n-dimensionalen Etwas kollidierst. Dass dein Körper sich mit diesem Etwas vermischt. Und wenn du aus dem Transmitter taumelst, klebt in deinem Gesicht ein ein flammender, Blitze schleudernder Energieklumpen." Der grobknochige Mann nickt ernst. "Und jeder, der in dein Gesicht sieht, wird wahnsinnig oder stirbt."
Chaime, Darcey und Van beginnen synchron mit Ankann zu nicken. "Hätte sein können."
Hätte. Sein. Können.
Grelles Licht blendet ihn. Und Chaime, Darcey, Van - ihre Gesichter verzerren sich, blähen sich auf, zersplittern, zerbröckeln. Dann wird es dunkel.
Es stimmt nicht. Er taumelte aus dem Transmitter, ohne wirkliche Kontrolle über seinen Körper, und brach zusammen. Um ihn herum war grelles flackerndes Licht. Sirenen heulten. Jemand schrie.
Vier waren tot, drei wahnsinnig.

"..."
... Dunkelheit ... Geräusche .... Stimmen?
"Auf-wa-chen! ... Wakey wakey ..."
Bewegungen, verschwommene Schemen vor dunklem Hintergrund. 
Jemand sprach, aber er verstand nur Bruchteile. Dann wurde es wieder dunkel und still.

Etwas stach in seinen linken Unterarm. Eine unangenehme Hitze lief durch seinen Körper.
"Hi, Al! Wurde aber auch Zeit! ... Das ist Bunny. Bunny, sag 'Hi, Al!'."
"Hi, Al."
"Ich bin Clyde ... Kapiert? Bunny und Clyde?"
Der Sprecher gab ein abgrundtiefes Seufzen von sich. "Hmmpf. Diese Maske ist ein richtiger Spaßkiller. Zu ausdruckslos. Ich vermisse das verständnislose doofe Grinsen. Nun ja. Bunny und Clyde. Bonnie und Clyde. Immer noch kein 'A-ha!'? Okey-dokey! Es war einmal. Präatomare Ära. Bonnie Parker. 1910, 1934. Clyde Chestnut Barrow. 1909, 1934. Ein Verbrecherpärchen. Mord, Raub, was immer du willst. Gefühllose Killer. Ziemlich berühmt. Die Polizei erwischt sie schließlich. Ziemlich unappetitliches Ende."
Verschwommen erkannte Alaska eine Gestalt, einen Mann, der sich nun vor ihm aufbaute und die Arme in dramatischer Geste hochriss. Der Mann hüstelte affektiert.
"Some day they'll go together,
They'll bury them side by side;
To few it'll be grief --
To the law a relief --
But it's death for Bonnie and Clyde.
"
Er ließ den Kopf auf seine Brust fallen und deutete eine Verbeugung an. "Gut, nicht? Lebe schnell, stirb jung. Okay - der Sterbeteil ist nichts für mich. Also, ich Clyde, du Al, sie Bunny. Bunny, weil ... sie ist etwas ... blöde. Aber sie mag Kätzchen, Häschen und all das. Bunny."

Alaskas Arme waren auf den Rücken gefesselt, die Beine an den Knöcheln zusammengebunden. Er saß in einem Kontursessel vor einer Videowand. Vier Reihen Bildschirme. Einige flackerten, zwei oder drei waren ausgefallen, die funktionierenden zeigten Aufnahmen eines Flottenhafens. Schiff an Schiff. Schlachtschiffe. Frachtraumer. Hektischer Betrieb. Es war eine Videoschleife, sie startete alle zehn oder fünfzehn Minuten aufs Neue.
"Technik in vollendeter Perversion. Raumschiffe mit Megamegatonnen Zerstörungskraft. Die Boten des Solaren Imperiums. Es ist dunkel unter diesen Stahlkolossen. Dunkel und kalt. Kein Leben kann in ihren Schatten gedeihen. Pervers. Nicht?"

Bunny saß an einem kleinen Tisch. Der Tisch, zwei Plastikstühle und sein Kontursessel waren die einzigen Einrichtungsgegenstände, die Alaska erkennen konnte. Rechts führt eine Tür hinaus. Die linke Seite war ein großes Einwegfenster. Draußen herrschte eine wolkenverhangene Düsternis, leichter Nieselregen schlug gegen das Glassit. Die Wände waren nicht geschmückt, keine Bilder oder ähnliches.
Clyde holte einen der Plastikstühle, platzierte ihn neben dem Kontursessel und setzte sich darauf.
"Du hast etwas, was mir gehören sollte.", sagte er.

-- 3 --

Clyde. Dem Psychologen gegenüber wird er ihn als hyperaktiv, aufgedreht, zur Hysterie neigend beschreiben. Fahrige, unkontrollierte Bewegungen.
Er trug einen dieser einfarbigen Overalls. Sein Gesicht und seine Hände waren gepflegt. Seine rotblonden Haare hatte er streng nach hinten gekämmt. Das Gesicht war hager und verhärmt und er bemühte sich darum, möglichst hart und überlegen dreinzusehen. Seine Augen: verwaschenes Grau, unruhig. Er war sehr unruhig.
"Du hast etwas, was mir gehören sollte", wiederholte Clyde und schlug mit der Hand gegen Alaskas Plastikmaske.

Dann Bunny. Introvertiert, ängstlich. Sprach wenig, in kurzen einfachen Sätzen. Zurückgeblieben, kindlich. Puppenhaft.
Ein tiefrot gefärbter wirrer Haarschopf. Das Gesicht stark geschminkt. Die Augen: blasses Grün. Sie wirkte müde.
Knabenhafter Körper. Schulterfreie Bluse, knöchellanger Rock. Knallige Farben. Zu knallig, zu schreiend
Sie wirkte so müde.
Sie trug einen Spielzeugaffen mit sich herum, ein ziemlich angegriffenes Exemplar mit schmutzigem roten Jäckchen. Sie zog ihn hin und wieder auf, was er mit ruckartigen Bewegungen und einem matten "tschiing?" seiner Blechbecken belohnte.

"Bunny sagt: 'Mittwoch, um die und die Zeit. Nimm' diesen Transmitter.'"
Alaska kniff die Augen zusammen. "Was?"
Clydes Gesicht verzerrte sich vor Wut. Er  hob die Hand und schüttelte ablehnend den Kopf. Er ergriff Alaska an der Schulter und zog ihn zu sich heran. Sein Gesicht war nur wenige Zentimeter von Alaskas Maske entfernt. "Hör zu!" zischte er. "Sie sagt: 'Nimm' diesen Transmitter, Clyde. Beim Hyperraumtransfer wirst du mit einer Entität kollidieren. Ihr werdet verschmelzen. Und wenn du aus dem Zieltransmitter trittst, wirst du ein neues Wesen sein, mehr als ein Mensch, mehr als diese Entität.' Okay, sie hat erheblich einfachere Worte benutzt, klar... Und sie lispelte." Er ließ Alaska los. Clyde lächelte entrückt. "'Ein Wesen für die Zukunft.' Und die Zukunft wird hart, Al, verdammt unangenehm. Keine Zukunft, die Militärdiktatoren wie Rhodan meistern können. Keine Solare Imperium-Zukunft. No, Sir."
"Was ist das für ein Unsinn?"
Clyde erbleichte. Seine Lippen zuckten sekundenlang. Aber dann riss er sich mit sichtlicher Anstrengung zusammen. "Al. Guck' dir unsere süße kleine Bunny an. Kein bisschen Verstand in ihrem Köpfchen. Aber sie kennt die Zukunft. Wahnsinn, nicht? Sie kennt die Zukunft." Er schüttelte den Kopf. "Sie kannte die Zukunft. Meine Zukunft."
Seine Augen flackerten. Er wischte wild mit den Händen in der Luft herum. "Und du, Alaska Saedelaere, du hast sie mir gestohlen."
Der Affe machte "tschiing?"

-- 4 --

Im Februar 3428 betritt der Techniker Alaska Saedelaere den Transmitter der Handelsstation Bontong, um nach Peruwall zu gelangen. Er kommt mit einer Verspätung von vier Stunden an. Während des Transportes ist es zu einer Umgruppierung der atomaren Zellstruktur seines Körpers gekommen. In seinem Gesicht sitzt ein in allen Farben des Spektrums strahlender Organklumpen, dessen Anblick die in der Transmitterhalle Anwesenden in den Wahnsinn treibt oder tötet.

"Mein Gesicht? Sehr schön, voller Farben, die ständig in Bewegung sind."

Der Transmitterdurchgang Saedelaeres, normalerweise ein zeitlich kaum messbarer Vorgang, nimmt vier Stunden in Anspruch. Die Empfangsstation, in der er ankommt, hat die Bezeichnung T-IV/4. Sieben Personen sind bei Alaskas Ankunft anwesend. Vier sterben sofort.
"Vier ... Japan! Selbst heutzutage vermeiden sie dort tunlichst in Krankenhäusern die Ziffer 4 bei der Zimmernumerierung. Die wenigsten wissen warum. Klar, wer spricht denn noch Alt-Japanisch? Im Japanischen klingt  4 wie Shi. Shi bedeutet Tod."

-- 5 --

"Nun ja, dreitausendvierhundert Jahre nach dem Zimmermann gibt's ja keinen Aberglauben mehr. Schade ... Mythen! Ich liebe Mythen. Gorgonen. Basilisken. Lots Weib." Clyde schüttelte sich in gespieltem Ekel. "Es läuft irgendwie darauf hinaus: wenn Menschen, unvorbereitete ... nein, unwürdige Menschen Göttern oder Göttlichem ins Antlitz blicken ... dann versteinern die Armen, verwandeln sich in Salzsäulen ... werden wahnsinnig oder sterben."
Er wurde ernst. "Was haben diese sieben in deinem Gesicht gesehen? Was kann so schrecklich oder so schön sein, um einen durch den bloßen Anblick in den Wahnsinn oder Tod zu treiben?" Clyde blinzelte. "Was würde ich sehen?"
Er warf den Kopf in den Nacken und musterte die Decke. Plötzlich griff er mit mit den Händen in seine Haare, riss an ihnen, zerzauste sie. Er rollte wild mit den Augen, fletschte die Zähne. Dann kicherte er und wackelte verneinend mit dem Zeigefinger. "So etwa? Nein, nein, das probieren wir lieber doch nicht aus."

Er strich das Haar wieder glatt. "Was jetzt? Ah ja - die Lebens- und Leidensgeschichte des Bösewichts. Clydes Story."
Er klatschte die Hände zusammen. "Okay. Ich war acht Jahre alt, ein wahres Wunderkind. Schule - ein Witz. Hochbegabtenförderungsprogramm." Clyde lachte bitter auf. "Yep. Der kleine Clyde hatte das Zeug zum nächsten Waringer. Da fiel mir auf: irgendetwas stimmt doch nicht!" 
Plötzlich hielt es ihn nicht mehr auf dem Sitz. Er sprang auf und begann Alaskas Kontursessel zu umkreisen. Er murmelte Unverständliches. Abrupt blieb er stehen, packte den Plastikstuhl und schmetterte ihn in die Ecke. Bunny stieß einen leisen Schrei aus. Clyde sah sie erschrocken an, stotterte eine Entschuldigung. 
Er zeigte anklagend auf die Videowand. "Ich lebte in einer Gesellschaft, die seit anderthalb Jahrtausenden von einer Clique von Fossilien regiert wurde. Rhodan, Bull, Adams, Tifflor, Waringer. Wertvorstellungen aus der Steinzeit bestimmten das Leben von zig Milliarden Menschen. Was sagt das über die Menschheit aus?" Clyde verzog angewidert das Gesicht und fauchte: "Wo ist der Fortschritt dieser 1500 Jahren? Welche gesellschaftlichen, wissenschaftlichen Umwälzungen hat es zwischen 1000 AD und 2000 AD gegeben? Und dann? - Das ist Rhetorik, Al, du musst nicht antworten." 
Er zuckte mit den Schultern. "Wahrlich beeindruckend. Das Solare Imperium scheint das Nonplusultra der Menschheitsentwicklung zu sein. Nichts geht mehr, hmm?" 
Er trat unmittelbar vor die Videowand und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Flirren der Monitore. Die Arme hatte er weit ausgebreitet und so stand er da wie gekreuzigt. Seine Stimme überschlug sich. "Und der Kontakt zu unseren galaktischen und extragalaktischen Brüdern und Schwestern? Bestens, wir haben die größeren Kanonen! Schöne neue Macho-Welt." Er kicherte. "Yes Sir, no Sir!"

An einem Dialog war Clyde nicht interessiert. Als Alaska versuchte, seinen Redeschwall zu unterbrechen, auf seine Tirade zu antworten, schüttelte er verbissen den Kopf, redete unbeirrt weiter und schaltete schließlich die Lautstärke der Videowand hoch. Fünf Minuten lang dröhnten die Triebwerke der startenden Raumschiffe. Bunny presste sich entsetzt die Hände auf die Ohren.
Clyde drosselte die Lautstärke wieder, blickte Alaska bedeutungsvoll an und fuhr in seinem Monolog fort.

"Es musste sich etwas ändern! Der kleine Clyde fühlte sich zum Revoluzzer berufen. Und dann waren da die Träume."
Er zwinkerte und blickte Alaska lauernd an. "Achtung, Al, jetzt kommt's. Träume, hat Clyde gesagt. Er hört Stimmen. Klar, das Jungchen spinnt." Clyde nickte. "Das ist der leichte Ausweg. Von mir aus. Denk' ruhig, dass das Wunderkind durchdrehte. Steht Dir frei. Ich war auserwählt ... Und lebte Jahr für Jahr in einer Welt, die mir zunehmend fremder wurde. Es gibt keine Ernst zu nehmenden Kritiker Rhodans. Dabrifa? Oh Mann, noch so ein Wahnsinniger mit Allmachtsallüren. Rhodan ist wohl ansteckend."
Clydes Karriere hatte ein Ende gefunden, bevor sie wirklich begonnen hatte: "Meine Ansichten waren nun doch etwas zu extrem. Pech. Und so trieb ich von Planet zu Planet. Bis Peruwall. Bis Bunny."
Mit einem dankbarem Lächeln voller Zuneigung sah er zu dem Mädchen hinüber. "Eine minderjährige Prostituierte, die mir erklärt, wer ich bin, was ich bin. Und dieses hilflose kleine Ding erzählt mir die Zukunft ... Sie kostet mich fünfhundert Solar. Und jeden Soli ist sie wert. Die Zukunft, die sie sieht, ist nicht sehr rosig für die Galaxis. Solares Imperium. Hunderttausend Schlachtschiffe. Nutzlos. Wertlos ... Was nützen eine Million Schlachtschiffe, wenn niemand sie fliegen kann?" 
Clyde trat hinter den Kontursessel und beugte sich zu Alaska hinab, brachte seinen Mund an dessen Ohr. Leise flüsterte er: "Und da war ich, die Rolle, die ich spielen würde. Ein Vermittler, ein Nexus, ein ... Aber dazu musste ich den Bontong-Peruwall-Trip wagen."

Bunny erhob sich zögernd und ging zu Clyde. Der streichelte liebevoll ihre Wange. Das Mädchen warf Alaska zaghafte Blicke zu. Dann hielt sie Alaska den Spielzeugaffen hin. Das Stofftier grinste verwegen mit weit offenem Maul. Sein linkes Auge fehlte. Scheppernd schlug er seine Blechscheiben zusammen. Bunny kicherte.
"Bunny! Das ist schon seelische Grausamkeit. Schäm' dich." Das Mädchen zuckte zusammen und lief zum Tisch zurück.

Clyde hatte den Stuhl wieder neben Alaska gestellt. Er setzte sich rittlings darauf. Zunächst trommelte er schweigend mit seinen Fingern auf der Rückenlehne herum. Dann umklammerte er die Lehne mit beiden Händen bis seine Knöchel weiß hervortraten. "Der falsche Transmitter. Da stand ich wie ein Trottel im Empfangsbereich und nichts war geschehen."
Wütend schlug er sich auf den Schenkel. "Der Mistkerl von Techniker komplimentierte mich mit hohntriefenden Worten hinaus. So ein erster Transmitterdurchgang sei schon desorientierend, aber ich solle nun endlich meinen Hintern bewegen. Yaddayaddayadda." Er schnaubte. "Draußen hörte ich's dann. Ein Transport fehlgeschlagen. Über den Zustand des Passagiers ist nichts bekannt."
Clyde kicherte. "Natürlich ließen sie niemanden in T-Römisch Vier-Strich-Vier. Ich ging heim. Hörte die Nachrichtenkanäle ab. Bis schließlich ..." Er kaute verdrossen an seiner Unterlippe und äffte dann mit quäkender Stimme einen Nachrichtensprecher nach: "Vier Tote, vier Verletzte, als der Passagier eines Personentransports ... Der Passagier ist in ärztlicher Behandlung. Die weiteren Opfer gehören zum Techniker- und Medi-Team ... n-dimensionalen Überschlageffekte ... Blablabla." Clyde schüttelte sich und wies auf Bunny. "Geschwafel. Bunny erzählte mir dann die Wahrheit. Was passiert ist. Das strahlende Ding in Deinem Gesicht. Deinen Namen."
Bunny zog den Spielzeugaffen auf und beobachtete gebannt seinen sinnlosen Tanz. "Tschiing?"
"Es ist unfair. Ich war auserwählt. Ich hätte mit der Entität verschmelzen sollen. Ich war auserwählt!"
Sein Gesicht verfinsterte sich. Dann zuckte er mit den Schultern. "Ein Quantensprung. Alea jacta est. Leider zu meinen Ungunsten."
Er pochte mit den Handknöcheln gegen Alaskas Maske. "Es spricht zu mir. Selbst jetzt höre ich es wispern und raunen."

Nein, wird Alaska dem Psychologen erklären, das Ding spräche nicht zu ihm. Nein, er wache nicht in der Nacht auf, weil das Ding mit ihm kommuniziere. Er wacht auf, weil er ihre Schreie hört: Bach, Themides, Okker, Iden, ... Aber das wird er nicht erwähnen.

Clyde fuhr fort, von der Macht zu schwärmen, die ihm das 'Fragment' übertragen hätte. Welche glorreiche Zukunft ihn erwartet hätte. Bunny hätte es gesehen.
Alaska sagte: "Dieses Ding in meinem Gesicht ..." Er wartete kurz, aber Clyde nickte ihm diesmal jovial zu. "Dieses Ding separiert mich von den anderen Menschen. Es verleiht keine besonderen Fähigkeiten oder macht mich zu einem Übermenschen."
"Ach, Al. Du warst ein einfacher Techniker. Was soll es aus einem einfachen Techniker machen? Wenn ich mir dein Dossier ansehe  - Du glaubst nicht, wie leicht man an die Dinger kommt - wenn ich mir also die Akte Alaska Saedelaere ansehe ... Vor dem Unfall:  was für ein langweiliger Mensch. Keine besonderen Erfolge, nichts Herausragendes. Unteres Mittelmaß. Nach dem Unfall: Tahun sagt, deine analytischen Fähigkeiten seien enorm gestiegen. Sie vermuten gewisse noch nicht näher zu definierende Psifähigkeiten. Dein Intelligenzquotient ist angeblich auch gestiegen." Er schnippte mit den Fingern. "Und jetzt, Al mit dem analytischen Verstand, sag' mir: was hätte der Unfall wohl aus mir gemacht? Ha!"

Er stand auf, gähnte, streckte sich. "Wie gesagt: die einfache Möglichkeit ist, dass ich spinne. Aber was, wenn nicht? Vielleicht heißt dieses Ding in deinem Gesicht ja wirklich 'Tess'. Vielleicht gehört es zu einem mächtigem Volk, Millionen Lichtjahre von hier beheimatet. Vielleicht ist dieses Volk unsere große, unsere einzige Chance. Vielleicht bin ich wirklich auserkoren. Clyde von Orleans ... diese furchtbare Ungewissheit ..."  
Er lachte. Aber die letzten Sätze hatte er im schrillen Tonfall ausgestoßen und seine Hände zitterten jetzt heftig. Er verließ fluchtartig den Raum. 

-- 6 --

Alaska zerrte an seinen Handfesseln.
Das Mädchen ignorierte Alaska demonstrativ und kümmerte sich nur um den tanzenden Affen.
"Stimmt das? Kannst Du die Zukunft sehen?"
Sie reagierte nicht.
"Was ist mit dir und Clyde? Der Junge ist doch etwas überdreht?"
Sie blickte auf. Ihre Augen waren leer. "Nein. Er hilft mir. Ohne ihn ... Er liebt mich."
"Ich bezweifle, dass du die Zukunft siehst."
Sie sah ihn an. Das dick aufgetragene Make-Up ließ sie noch puppenhafter erscheinen. Sie strengte sich an, suchte nach Worten, fand keine passenden, kapitulierte schließlich mit "Doch."

Clyde kehrte zurück. Er hatte ein strahlendes Lächeln aufgesetzt.
"Und jetzt fragst du dich, wieso? Wieso hat er mich entführt?"
Er setzte sich rittlings auf den Plastikstuhl.
"Tahun ... Bunny wusste natürlich, wann du zurückkommen würdest. Wann du die Gräber besuchen würdest. Hmm. Planst du auch eine Familienvisite? 'Hi, ich bin Al. Ich und dieses Ding in meinem Gesicht sind verantwortlich für den Tod Ihrer Frau - und Eurer Mutter.' Darcey Bach hat eine süße zweijährige Tochter. Das weißt du inzwischen. Planst du solche Anstandsbesuche?" Clyde grinste.  Seine Finger trommelten ruhelos auf der Lehne. "Traust du dich?"
Alaska schwieg. 
"Hmpf. Bunny?"
"Ja?"
"Bunny, ich bin hungrig. Unser Gast bestimmt auch. Kannst du etwas Suppe von Pa-Tö holen?"
"Suppe?"
"Suppe. Und Strohhalme. Damit kann ich ihn am einfachsten füttern. Pa-Tös Suppen sind einfach ... delikat. Geh."
Sie starrte ihn und Alaska an. Zögerte, wollte etwas sagen. Aber dann stand sie auf, griff sich den Affen und ging.

Clyde zwinkerte Alaska zu. "Hellsehen muss wirklich eine Qual sein. Sie weiß, was hier passieren wird. Ich glaube, sie mag dich."
Er seufzte und begann einen gängigen Schlager zu pfeifen. Schließlich zog er ein Messer aus seiner Seitentasche.
"Es funktioniert nämlich so: sobald sein Wirt tot ist, wird das Ding auf den nächsten geeigneten Träger wechseln. Und das bin gegenwärtig: ich! Sorry, Al."

-- 7 --

Alaska hatte das Band um seine Handgelenke zwar etwas lockern können, aber nicht genug, um seine Arme freizubekommen. Er warf sich aus dem Sessel gegen Clyde. Er spürte, wie das Messer in seinen unteren Brustbereich eindrang und an einer Rippe abglitt. Er und Clyde stürzten zu Boden. Clyde lag unter ihm. Alaska versuchte, Schulter und Kopf gegen Clyde zu schmettern. Aber Clyde stieß ihn von sich und Alaskas Schulter schlug hart gegen den Boden. Der Schmerz raubte ihm den Atem.
Clyde kam taumelnd auf die Beine. Er hatte das Messer verloren. Suchend blickte er sich um.
Alaska versuchte seinerseits, sich zu erheben. Es gelang ihm nicht.
Clyde begann zu lachen. Alaska kniete neben dem Kontursessel.
Clyde stand einfach da und lachte.

"Und? Ist das nicht Beweis genug?", prustete er.
Alaska verstand nicht. Clyde schüttelte den Kopf, hob den Arm und zeigte auf Alaska.
"Was?", murmelte Alaska.
"Ach, Al."
Die Maske lag vor ihm auf dem Boden. Sie musste sich während des kurzen Kampfes gelöst haben. Alaska zuckte zusammen. 
"Es ist wundervoll", sagte Clyde. "Diese Farben und Formen."
"Die Farben und Formen.", murmelte Alaska.
"Nun. Das ist doch Beweis genug. Es akzeptiert mich. Nicht?"
Clyde seufzte abgrundtief. "Dann sollten wir die Sache jetzt beenden. Wo ..."
Alaska krümmte sich zusammen. Da war ein brennender Schmerz in seiner Magengegend. Verwirrt bemerkte er den dunkelroten Fleck, der sich auf seinem Hemd ausbreitete. Er verlor den Halt und schlug hart zu Boden.
Clyde bewegte sich nicht, blickte immer noch mit breitem Lächeln auf Alaska herab.
Alaska würgte. Den bitteren Geschmack von Blut und Galle im Mund, starrte er zu Clyde hinüber. Vielleicht zwei Meter neben Clyde lag das blutverschmierte Messer.
Clyde bewegte sich nicht. Er lächelte breit.
Dann sagte er "Ups", sein lachendes Gesicht gefror zur Fratze und er sackte in sich zusammen. Wie eine Marionette, deren Fäden durchschnitten waren. 

Alaska stöhnte. Er ließ den Kopf zurückfallen und starrte an die Decke. Minutenlang.
Die Tür war offen.
Der Affe machte "tschiing?"

-- 8 --

"Bunny.", krächzte er. "Bleib draußen."
Clyde kroch zur Monitorwand und kicherte. Seine Hände irrten über die flimmerten Schirme, fuhren zitternd die Formen der Raumschiffe nach.
"Superschlachtschiff. Superschlachtschiff. Superduperschlachtschiff."
Alaska stöhnte leise. Sein Hemd war blutdurchtränkt. Eine lähmende Taubheit breitete sich in seinem Unterkörper aus. Die Plastikbänder schnitten in Hand- und Fußgelenke.
"Ruf die Polizei. Clyde braucht Hilfe. Komm nicht näher. Komm nicht ..."
Sie stand hinter ihm. Alaska drehte seinen Kopf krampfhaft weg. Über die Einwegfenster geisterten die Lichtreflexe seines Gesichtes - des Dinges in seinem Gesicht. Regen trommelte gegen das Glassit.
Sie berührte ihn sanft an der Schulter.

"Ich wusste genau," murmelte sie, "genau, was er vorhatte. Aber ich bin gegangen." Sie schwieg, überlegte, suchte nach Worten. "Ich liebe ihn wirklich ... Auch wenn das falsch ist, was er tut. Aber er ... er liebt mich auch. Bestimmt." Minuten lang sagte sie nichts. Dann: "Er liebte mich. Das ist nun vorbei. Er kommt nie mehr zurück."
"Bunny." Sein Versuch, streng und befehlend zu klingen, scheiterte kläglich. Seine Stimme war schrill und brach immer wieder. Sein Kopf dröhnte. "Clyde wird sterben, wenn Du ihm nicht hilfst. Und ich auch. Du musst die Polizei rufen oder die Ambulanz."
Ihre Finger glitten durch sein Haar, streichelten über das gefühllose Ding in seinem Gesicht. "Nein, du wirst nicht sterben. Du nicht. Alaska Saedelaere. Der Maskenträger."
Alaska schrie auf, als sie ihn an der verletzten Schulter packte und herumdrehte. Er sah ihr Puppengesicht, die tränenverschmierten Augen. Augen, in denen sich das irrlichternde Glühen seines Gesichtes spiegelte. Verzweifelt riss er sich herum. Aber es ist schon zu spät, nicht? Clyde, Bach, Themides, Okker, Iden, ... Wie viele denn noch?

"Der Mann mit der Maske. Oh, welche Wunder wirst du sehen."
Sie hielt seinen Kopf sanft in den Händen. Alaska schloss die Augen, er wollte es nicht schon wieder sehen.
"Schlachtschiff. Transformgewitter. Gigatonnen. Korp - Korpus - Korpuskular."
Clydes grinsendes arrogantes Gesicht war förmlich zerbrochen. Die Gesichtszüge waren 'entgleist'. Und in seinen Augen war plötzlich so viel Angst und Entsetzen.
Hat er seinen Gott gesehen?
Bunny redete immer noch. Über Clyde. Wie sie sich begegneten. Eine verwahrloste Prostituierte in den Poriden-Slums. Mit der Intelligenz einer Sechsjährigen. Hilflos. Und Clyde nahm sie auf. Liebte sie. Hörte ihren Geschichten zu. 
War sie präkognitiv? Eine geistigbehinderte Seherin, was für ein sinnloser grausamer Scherz.
Sie lispelte.

"Kra-Wumm! Kra-Wumm!" Clyde hatte begonnen, die Monitore mit Fäusten zu attackieren.
Wurde sie denn nicht von der Masse beeinflusst? Von dem 'Fragment'?
"Er war so glücklich." Sie hatte seinem Leben Sinn gegeben, Bestimmung. Clyde. Nicht unbedingt der geistig Gesündeste. Er wollte ein kosmischer Mensch sein ... mit dem Tod und dem Wahnsinn im Gesicht. "Es war doch wahr. Und ... Dann war alles anders... Er kam heim und er weinte." Bunny zitterte. "Er weinte. Alles war anders. Da ist kein Platz mehr. Für ihn."
Sie sah Alaska zärtlich an. "Und heute? Er hat nie gefragt."

Natürlich war sie zuvor schon langsam und unsicher gewesen. Hatte sich das in den letzten Minuten verschlimmert? Alaska klammerte sich an die Hoffnung, dass Bunny die Ausnahme war. Statistisch gesehen musste es eine Ausnahme geben. Hunderte von Ausnahmen. Tausende von Menschen, die ihm ins Gesicht blicken konnten, ohne zu sterben. Ohne in den Irrsinn zu flüchten. Wundervolle Farben.
Bunny war geistig behindert. Mochte sein, dass das Ding in diesem Fall nicht wirkte. Bitte.

"Und du ... Das wird so schrecklich einsam. Alaska."
Und sie küsste ihn auf die Lippen. Er schmeckte den billigen Lippenstift und ihre salzigen Tränen.
Er spürte ihr Zittern.
"Al. Ich habe Angst."
Und das waren die letzten Worte, die sie je sprechen würde. Ihre Augen verloren ihren Glanz. Ihr ganzer Körper fiel in sich zusammen. Sie erlosch, wird Alaska diese Szene später beschreiben. Und der Psychologe wird mitleidig das eigene matte Spiegelbild in Alaskas Plastikmaske betrachten.

-- 9 --

Das Licht hatte sich automatisch heruntergeschaltet. Aber es war nicht dunkel.
Über die Monitore flimmerte immer noch die Videoschleife. Startende, landende Raumschiffe. Gewaltige Stahlkugeln. Ist da undurchdringliche Finsternis unter den Terkonitgebirgen?
Und da war  - natürlich -  das flackernde Leuchten, das von seinem Gesicht ausging. 
Clyde lag vor der Monitorwand. Er hatte sich eine heftig blutende Schädelwunde geholt. Seine Augen waren geschlossen und er atmete schwer und stoßweise.
Bunny hatte sich in Embryonalstellung zusammengerollt. Sie schnarchte leise.
Alaskas Wunde hatte aufgehört zu bluten. Arme und Beine waren taub. Er konnte sich kaum mehr bewegen. Wenn sie niemand fand, würde er wohl sterben. Nun, wenn er Bunny richtig verstanden hatte, würde er überleben. Aber dann war wohl die große Frage, was dem ersten passieren würde, der durch die Tür trat: Wahnsinn? Tod?

Er verlor das Bewusstsein. Als er wieder aufwachte, schien Peruwalls kleinerer Mond durch das Einwegfenster.
Es regnete immer noch.
Als er klein war, drückte er gerne seine Wangen gegen die Fensterscheiben. Er liebte diese Kühle auf den Wangen.

Videoschleife. Drei Bildschirme waren ausgefallen. Der vierte der ersten Reihe, Nummer zwei und drei der dritten. Nur noch graue Flächen.
Als er klein war, drückte er gerne seine Wangen gegen die Fensterscheiben. Er liebte diese Kühle auf den Wangen.
Er wälzte sich auf den Bauch. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen. Er bewegte seine Hände, seine Finger und quittierte das brennende Gefühl mit einem krächzenden Schrei. Da drüben war die Tür. Vielleicht war ein Visifon im angrenzenden Raum. Oh, welche Wunder wirst du sehen.  

Epilog

Er überlebte. 
Bunny und Clyde wurden ins Med-Center eingeliefert. Die Bemühungen der Ärzte blieben erfolglos.
Clydes Identität konnte ermittelt, seine Familie benachrichtigt werden. Auf ihr Betreiben hin wurde er nach Tahun verlegt. In den Wirren der Schwarmkrise verlor sich hier seine Spur. 
Bunnys wirklicher Name wurde nie festgestellt. Sie starb wie viele andere in den ersten Wochen der Verdummung.

Peruwall wurde im Jahr 3612 aufgegeben.
Auf dem Friedhof von Hanson Drift findet man immer noch die Gräber von Darcey Bach, Ankann Themides, Chaime Okker, Van Iden. Der damaligen Mode entsprechend sind die Gräber mit solarzellenbetriebenen Holovid-Anlagen ausgerüstet. Der Besucher konnte sich Bilder und Filme aus dem Leben der Verstorbenen betrachten. Darcey Bachs Anlage hat tatsächlich die Belastungen der Zeit überstanden und eines der Videos ist noch spielbar. Ein Besucher könnte die Aufzeichnung ihrer Hochzeit und der Geburt ihrer Tochter miterleben.

Bach, Themides, Okker, Iden waren die ersten Opfer des Cappinfragments Alaska Saedelaeres. Bunny und Clyde waren Nummer neun und zehn.

Epilog 2

Der Junge rannte so schnell er konnte. Er war hochgewachsen und sehr hager. Er rannte mit eckigen, fast unbeholfenen Bewegungen. Als er die Stadtgrenze hinter sich gelassen hatte, blieb er schwer atmend stehen. Er stemmte seine Arme auf die Oberschenkel und schnappte nach Luft. Zwei-, dreihundert Meter vor ihm war der Wall. Das war sein Ziel.

Das Unwetter war fast heran. Es schickte dem Jungen ein langes tiefes Grollen entgegen. Er lief wieder los.
Als er die Rampe erreichte, fielen die ersten Regentropfen.
Die Rampe führte bis zum Kamm des Walls empor. Der Boden war glitschig und er stürzte mehrmals. Aber schließlich stand er auf dem Wall.
Er stemmte sich gegen den heftiger werdenden Wind und schloss die Augen. Als die Tropfen auf sein Gesicht schlugen, lachte er auf. 
Der Regen wurde stärker. Das kalte Wasser rann über seine glühenden Wangen. Sein dünnes Hemd klebte klatschnass an seinem Körper. Er zitterte.
Dann öffnete er den Mund und schrie. Der Junge schrie gegen das Donnern des Sturmes an. Er war glücklich.

Epilog 3 --  Legenden vom Leben

Jahrhunderte später ... 
Oh ja, er würde den Tod betrügen, ein Mitglied der exklusiven Clique der relativ Unsterblichen von ES' Gnaden. Zumindest für einige Jahrhunderte.
Jahrhunderte später, ein zerschlagener Körper in einem Raumschiff aus Glas, das haltlos durch die Atmosphäre einer sterbenden Welt stürzt. Und der langjährige Mentor der Menschheit, sein Gönner, ES, wird ihm die Wahrheit ins Ohr flüstern. Mit einem irren schrillen Kichern wird er ihm erklären, dass Clyde Recht gehabt hätte. Nicht Alaska hätte mit dem Cappin kollidieren sollen. Clyde hätte es sein sollen. Und Clyde hätte eine kosmische Karriere vor sich gehabt. Ein charismatischer kosmischer Führer für die Menschheit. Nun ja, ES hatte sich schon längst für Rhodan und einen anderen Weg der Menschheit entschieden. Und so drehte es ein bisschen an den Rädchen der Wirklichkeit.
Es hatte sich köstlich amüsiert.

-- ENDE -